Mein Arbeitstag

So Ihr Lieben, erstmal tut es mir leid, dass ich mich die letzten zwei Monate nicht gemeldet habe. Doch wie soll ich denn diese unfassbaren Erlebnisse hier, welche mit meinem Verstand kaum zu begreifen sind, in angemessene Worte fassen?

Ich versuche jetzt einfach mal meinen Alltag zu beschreiben. Ich stehe um 6:30 Uhr, manchmal auch um 6:00 Uhr, auf. Meistens werde ich gegen diese Uhrzeit durch das nervtötende Gekrächz der Loros meiner Gastoma, an das ich mich mittlerweile beinahe gewöhnt habe, aufgeweckt. Ich frühstücke Früchte mit Joghurt und Chiasamen, oder ein Brötchen mit Dulce de Leche. Dann mach ich mich nach einem kleinen Plausch mit meiner Mitbewohnerin Tanja auf den Weg zur Arbeit. Ich laufe etwa 15 Minuten durch mein Viertel, und kurz nachdem ich an der Schule vorbeigelaufen bin, kommt meine Guarderia. Dort begrüße ich erst einmal meine Chefin, die vor dem Eingang an die Schulkinder Kakao,  Säfte, Empanadas (gefüllte Teigtaschen), Pollitos (hier frühstücken manche Hühnchen), alle möglichen Süßigkeiten, und so weiter. Daraufhin laufe ich die Treppe hoch und begrüße die anderen Tias und meine Mitfreiwillige. Ein paar Kinder sind schon da und nach und nach treffen immer mehr ein. In der ersten Stunde laufe ich meistens von Sala zu Sala und unterhalte mich mit den Kindern oder den Tias und wenn eine Mutter oder Vater ihre Kinder bringen, hole ich sie an der Pforte ab und begleite sie über den Gang zu ihrem Sala.

Normalerweise kommen die Kinder an und sehen erst einmal fern bis es Frühstück gibt.
Normalerweise kommen die Kinder an und sehen erst einmal fern bis es Frühstück gibt.

Danach gibt es Frühstück, welches normalerweise aus viel zu süßem Tee oder Kakao mit einem Brötchen oder einem Keks besteht. Je nachdem in welchem Sala ich bin, bei den Babys den 2-3- Jährigen oder den 4-6-Jährigen, mache ich während des Frühstückes schon die Cuadernos (Hefte mit leeren Seiten). Ich zeichne einen Buchstaben oder eine Frucht, ein Gemüse, ein Tier, oder andere Dinge in 20-30 Hefte. Wenn ich fertig bin teile ich die Hefte mit der anderen Tia aus. Die Kinder bekleben die Zeichnung mit kleinen Schnipseln aus buntem Papier, die ich mit der anderen Tia ebenfalls vorher zurechtgeschnitten habe, da die Kinder keine Scheren verwenden dürfen bzw. können, oder sie malen es mit Kreide oder Buntstiften aus.  Die letzten Wochen haben wir im Sala der älteren Kinder jeden Tag zwei neue Buchstaben durchgenommen, und als alle fertig waren mit ausmalen bzw. bekleben haben wir das ABC zusammen aufgesagt. Einige Male habe ich ein ABC-Lied mitgebracht und wir versuchten uns mit den Kindern in einen Kreis zu setzen und es zu singen. Da einige Kinder nächstes Jahr in die Schule kommen, ist es für sie wichtig die Buchstaben zu lernen. Allerdings haben die 4-Jährigen noch kein wirkliches Verständnis dafür gehabt, was das ist, was sie gerade ausmalen und auswendig lernen sollen, und daher konnten sie kein sonderlich großes Interesse dafür aufbringen. Das ist dann oft in Streitereien und „Herumgerenne“ ausgeartet, während ich mit den Größeren versucht habe zu singen. Die andere Tia versucht das Chaos zu beruhigen, indem sie mit einer Rolle mit einem lauten Knall auf den Tisch schlägt. Das macht sie jedoch sehr oft, sodass man sich an den Lärm, der dadurch noch entsteht, gewöhnt hat. Nach einigen Ermahnungen setzen sich die Kinder wieder und es wird weiter gesungen. Wir haben leider keine Boxen im Kindergarten, nur welche, die man an den Fernseher anschließen kann, welche jedoch auch nicht immer funktionieren. Deshalb habe ich  meine Minibox mitgebracht, die allerdings sehr leise ist. Danach gibt es dann schon die Merienda, die Zwischenmahlzeit. Papaya und Banane oder ein paar Kekse. Die Kinder haben meist auch alle etwas kleines Süßes dabei. Danach gehen wir manchmal auf den Spielplatz oder beschäftigen uns anderweitig. Zum Beispiel versuche ich mit den Kindern „Mein rechter, rechter Platz ist frei…“ zu spielen. Das verstehen sie bis jetzt jedoch noch nicht und es fehlt ihnen bis jetzt auch an der nötigen Aufmerksamkeit, um den Verlauf des Spieles zu verstehen. Es ist auch sehr schwer die Kinder zu beschäftigen, denn das einzige, was es in dem Sala gibt, sind ein Fernseher, Stifte, die Cuadernos, Gomaeva (buntes gummiartiges Papier zum Basteln), ein paar Puzzle, Spitzer, Radiergummi, Scheren, einen Ball, und ein paar Matratzen und Decken.  Wenn 25 Kinder in einem Raum sind und es wirklich keine Spielsachen gibt, ist es nicht so einfach sie bei Laune zu halten. Jedes einzelne für sich ist wie jedes Kind wahnsinnig liebenswürdig. Es macht Spaß mich mit ihnen zu unterhalten und ein bisschen zu kuscheln, wenn sie zu mir herkommen sich auf meinen Schoß setzen und anfangen ihre Geschichten zu erzählen, mir ihre kleinen Wunden zeigen oder ihre neu gekauften Schuhe. Doch wenn ich alle auf einem Pulk habe, fällt es mir doch manchmal schwer meine Arbeit wirklich zu mögen. Denn es ist ständig so unglaublich laut und wild, und leider manchmal wirklich erfolglos, wenn noch nicht mal gemeinsames Singen funktioniert.                                                                                                                                       Danach gegen 11:30 Uhr gehe ich meist in die Küche und helfe beim Suppe und Hauptspeise austragen und es wird gegessen.

Hier wird gekocht.
Hier wird gekocht.

Manchmal helfe ich nach dem Essen die Babys zu füttern und zu wickeln. Die Kinder werden umgezogen und wenn es ein heißer Tag ist im Waschbecken kurz abgeduscht. Daraufhin ist es daran, die Kinder zum Schlafen zu bringen, wobei manchmal mit sehr fragwürdigen Maßnahmen und Methoden gearbeitet wird. Es wird mit Dingen gedroht, die passieren, wenn sie jetzt nicht sofort einschlafen. Und wer kann schon unter Drohungen schlafen? Ich versuche den Kindern Lieder vorzusingen und sie zu streicheln oder auch eine Geschichte zu erzählen. Doch wer schon einmal versucht hat drei oder  vier Kinder gleichzeitig zum Schlafen zu bringen, der kann sich wohl  vielleicht ansatzweise ausmalen, wie das mit 20 Kindern ist. Wenn dann alle Kinder schlafen wird geputzt.

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Danach sitze ich eigentlich zwei Stunden nur rum und unterhalte mich mit den Tias oder überlege, was man am morgigen Tag machen könnte.

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Meine süßen bebés
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Am Día del estudiante mit „Piñata“
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Zur „Piñata“ gehört auch ein bisschen Tanzen.
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Benjamin

Es ist tatsächlich sehr schwer mich an die Erziehungsmethoden hier zu gewöhnen und sie mit meinem eigenen Gewissen und meinen Idealen zu vereinbaren. Die Kinder werden auf keinen Fall geschlagen und es ist auch nicht so, dass ich nicht verstehen kann, wieso die Tias so handeln, denn sie sind anders sozialisiert als ich Deutsche. Es wird nur sehr viel mit dem Bestrafungs- und Belohnungssystem gearbeitet. Das heißt, wenn sie sich schlecht verhalten, dann wird gedroht. Zum Beispiel damit, dass sie nachmittags nicht auf den Spielplatz dürfen. Allerdings gehen wir nur äußerst selten auf den Spielplatz und es kommen jedes Mal auch die Kinder mit, die eigentlich damit bestraft werden sollten nicht mitkommen zu dürfen. Also wird dieses System nicht einmal durchgezogen. Es gibt noch einige andere sehr viel härtere Drohungen, bei denen ich jedes Mal froh bin, dass sie nicht durchgezogen werden. Ich könnte vieles anderes darüber erzählen, doch habe ich die Befürchtung, dass einige Dinge, die mich immer noch schocken, von Euch falsch verstanden werden könnten. Es ist nämlich nur meine subjektive Meinung und es ist wirklich schwer für mich in die Mentalität hier einzusteigen und langsam einen Einblick zu bekommen, denn ich habe die hierige Sozialisation nicht erfahren und kann nur nach und nach versuchen zu erkennen und zu verstehen, was der Ursprung ihres Handelns ist. Wie sollt Ihr denn objektiv urteilen können, wenn selbst ich mir sehr schwer tue, obwohl ich zurzeit direkt in dieser Mentalität lebe?

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Ich liebe die Freitage…
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denn da geht´s auf die Cancha.

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Mittlerweile habe ich nun endlich ein Projekt gefunden, in welchem ich Cello unterrichten kann. Diese Arbeit ist sehr erfüllend. Ich habe bis jetzt drei Schülerinnen im Alter von 17, 19, und 24, die sich jedes Mal, wenn ich bisher gekommen bin, unglaublich gefreut haben. Es ist außerdem ganz wunderbar mal mit älteren „Kindern“ zu arbeiten. Bis jetzt habe ich nur zwei Mal Unterricht gegeben und habe den Hogar jedes Mal mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen.

Die Wochenenden habe ich meist mit Reisen in umliegende Dörfer, Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten oder auf den Markt, mit abends Ausgehen und Tanzen gefüllt. Darüber werde ich Euch beim nächsten Mal berichten.